In Sweden, All Mountains Are Berries.

A makeshift Petula blog
Jun 02
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Sie werden niemals für Musik bezahlen

Nicht zum ersten Mal, aber weniger überzeugend als zum Beispiel hier finden sich auf Spreeblick Positionen des Hausherren zur Entwicklung der Musikbranche, zu technischen Möglichkeiten, zu möglichen Geschäftsmodellen. Das Feature eröffnet eine Diskussion, wie es sie schon oft, schon besser, schon schlechter gab und geben wird und muss - doch vielleicht nur heute, vielleicht nur als ehemaliges Mitglied einer okay bekannten Band und als ehemaliger Gesellschafter eines okay bekannten Labels, stören mich einige der zu diesem Thema so gern gesungenen Kehrreime mehr als sonst.

Die pauschale Abwertung des Vertriebs, der Rechteverwertung, etc. als die Musikindustrie, die das Gute verpennt hat und das Schlechte nun verdient, das Märchen von den Kleinlabels, die sich schon irgendwie durchwurschteln und behaupten werden, die Verurteilung der GEMA-Idee, die Romantik des freien Gutes Musik, die Selbstauspreisung “Musikliebhaber” für diejenigen, die ihr Herzliebstes am besten immer und überall und umsonst hingehalten haben wollen - den Gassenhauer “Eine CD Kostet Nur Zweimark In Der Produktion (Der Rest Geht An Den Deibel)” vermisse ich dabei fast ein bisschen.

Zum einen finde ich die Idee einer arbeitsteiligen Gesellschaft voll okay, und wenn ich einen Künstler für so famos halte, dass ich ihm die Unabhängigkeit von Lohnarbeit subventioniere, damit er weiter Famoses schafft, wäre ich doch bekloppt, wenn ich mich mit dem Gedanken zufrieden gäbe, dass diese freie Zeit für Myspacepromo, Booking, USP-Optimierung, Datenbankpflege und “härtestes Networking” draufgeht. Dass Jonny der Entgeltleistung für diese von Dritten angebotenen Services ein Lied singt, begrüße ich, und die präsentierten Ansätze sind allemal interessant. Dass die Kommentare dann doch wieder alte Refrains grölen oder über irgendwie stichhaltige Argumente doch nur zu nur teilweise richtigen und für die von der Abwertung des Gutes Musik ebenso hart getroffenen Labels und Künstler unterhalb gewisser Profitziele und -möglichkeiten oft genug schlicht absurden Schlüssen kommen, lässt mir die Haare ausfallen. Maximalforderungen neben “bei Trent Reznor geht’s doch auch” und dem Vorschlag, dass der Künstler doch durch Sponsoringpartnerschaften verdienen kann. Ist das der Ernst der Leute zum Ernst der Lage?

Zum anderen teile ich Jonnys Prämisse nicht, dass es nie um Musik als Gut ging, noch gehen wird. So romantisch sie klingt und so wenig der Wert des Tonträgers mit einem Stück wie sagenwirmal Very Small zu tun hat - am Ende leuchtet sie mir kaum mehr ein als die Vorstellung, die Dienstleistung des Kellners, nicht aber das Essen zu vergüten.

Zum dritten und wesentlichen ist “Wir werden niemals für Musik bezahlen” ein Slogan, der mich nicht mitreißt und mich so schön deprimiert, wie es nur “Du wirst niemals ansatzweise von dem hier leben können, und den Kopf nie ganz dafür frei haben” eben kann. Denn es bleibt klar, dass dieses Wir in ausreichender Größe es mir und etlichen anderen auf Dauer rasend schwer macht, Musik außerhalb des Wohnzimmers und noch vor dem Lohnarbeitsfeierabend zu machen. “Wir werden niemals NUR für Musik bezahlen” hätte ich wohl geteilt - ich habe selten NUR für Musik Geld verlangt. Aber diesem Satz fehlte der Schmiss, den es braucht, um oberhalb mancher Schwelle Gehör zu finden, und in den meisten Fällen wäre er auch schlicht falsch - das Wir-wollen-traumhafte-Verpackungen-und-180g-Vinyl-mit-Downloadcode, das Wir-zahlen-gern-für-Last.fm-in-voller-Funktionalität, das da mitschwingt, ist vielen Diskussionsteilnehmern nicht näher als Die-Alte-Musikindustrie, nicht näher als die Idee, dass ein Lied einen Preis haben kann, Grenzkostenrechnungen und Unbezahlbarkeit zum Trotz.

Und eben dort ist das Problem, ist der Unterton, der mir in diesen Diskussionen wieder und wieder auf den Wecker geht: Das Mitklingen eines angesäuerten Rechtfertigungsversuchs für Dinge, die man selbst auch nicht ganz so sauber findet. Das vom kumpeligen “Ihr braucht einfach ein neues Geschäftsmodell, Leute” kaum verborgene “Bis das da ist, hol ich mir die neue Phoenix/Ter Haar/Moderat aus dem Netz und von meinem Kumpel mit dem Spitzenmusikgeschmack”. Das implizierte “Selber schuld”, mit dem der Selbstausbeutung begegnet wird, die mit dem Nischenlabeldasein oft genug einhergeht. Und die auf so rasend wenigen Beinen stehenden Berlinerpilsnerseligkeit “Wenn der Künstler gut genug ist, werden die Leute ihn auch bezahlen”, die irgendwo die Leute ausmacht, die ganz anders sind als man selbst und denen man nur vertrauen muss.

Und heppi, schon diskutiere ich wieder mit und verrenne mich in Komplexität und Befindlichkeiten, statt Myspace-Promo zu machen und am neuen Geschäftsmodell zu arbeiten. Vom Text zu Hoofer, der am Freitag bitteschön in voller spröder Pracht strahlen soll, ganz zu schweigen. Ob wohl die Leute auch in den Krähenfuß kommen? Und ob sie sehr enttäuscht sein werden, wenn sie feststellen, dass der Eintritt frei ist und es keine Platten zu kaufen gibt? Nur Buttons, denn im Merch steckt die finanzielle Zukunft. Ich kann die Moneten schon klimpern hör’n.